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Multimodale Performanz der Person im Netz

Wie inszenieren sich Personen im Internet selbst, wie werden sie von Dritten inszeniert? Die Studie „Multimodale Performanz der Person im Netz” analysiert dies aus kulturwissenschaftlicher Perspektive anhand russischer Personen im russischsprachigen Internet.

Contextualizing Bandera - Teilprojekt von PACE

Ziel des Teilprojektes „Multimodale Performanz der Person im Netz“ ist es, Methoden zu entwickeln, die es ermöglichen, über Texte hinaus auch Bilder und Videomaterial mit in Studien einbeziehen zu können. Dies ist grundlegend dafür, zukünftig Untersuchungen multimodal durchführen zu können.

Neben Texten spielen Bilder in zahlreichen kulturellen Zusammenhängen eine tragende Rolle, so auch im Internet: Bilder und Videos werden kopiert, bearbeitet, geteilt und damit zu sogenannten Memen. Dabei entsteht eine große Zahl an Bildern bzw. Videos, die sich aufgrund ihrer schieren Masse einem traditionellen ‚Close Reading‘ entzieht. Gleichzeitig liegen die Bilder und Videos digitalisiert vor und sind zum Teil durch die verwendete Web-Plattform (z. B.YouTube) mit Metadaten annotiert.

Aus diesen Gründen sind Bilder-Meme und virale Videos prädestiniert für den Einsatz quantitativer Verfahren. Anhand einer Beispielstudie wird mithilfe der Knowledge Dicovery eine neue Methode des “Distant Watching” entwickelt, welche erstmals das Bild und dessen Inhalt an sich in den Mittelpunkt einer quantitativen Untersuchung.

Ein State-of-the-art Regional Convolutional Neural Network (RCNN) wird auf konkrete vorselektierte Symbole in Videos trainiert, um diese in einem großen Videokorpus automatisiert erkennen zu können. Damit wird erstmals der Bildinhalt von Videos automatisiert erfass- und quantitativ messbar. Je nach (Co-)Präsenz oder Absenz von Symbolen können Rückschlüsse auf den Inhalt des Videos gezogen werden.

Contextualizing Bandera

Zentrum der Untersuchung ist die Rezeption des ukrainischen Nationalisten Stepan Bandera, die in sich die Ambivalenz ukrainischer Erinnerungskultur vereint und die im gegenwärtigen Ukrainekonflikt immer wieder polarisiert: Für das prorussische Lager ist er ein Faschist und Massenmörder, seine Anhänger werden als „Banderovcy“ mit Faschisten gleichgestellt. Für die ukrainisch-nationalistische Seite ist Bandera ein idealisierter Held, der kompromisslos für die nationale Unabhängigkeit kämpfte. Neue Medien werden intensiv genutzt, um die von der jeweiligen Seite präferierte Sicht auf Bandera durchzusetzen.

Eine erste Untersuchung zeigte, dass sich diese Instrumentalisierung durch alle größeren digitalen Medien zieht und bereits vor 2014 immanent war. Das Projekt baut auf dieser Vorarbeit auf; wir vergleichen das Youtube-Korpus vor dem Kriegsausbruch in der Ukraine mit einem heutigen Korpus, um aufzuzeigen, ob und wenn ja, wie der Ukrainekonflikt die bereits vorhandene unterschiedliche Instrumentalisierung verändert hat.

Neben der propaganistischen Instrumentalisierung ist ebenso auf die Ebene der “post-memory” (Hirsch 2012) zu verweisen. Marianne Hirsch beschreibt mit diesem Konzept eine Auseinandersetzung mit einer traumatischen Vergangenheit, die man selber nicht erlebt hat. Dabei spielen visuelle Medien eine entscheidende Rolle, weil sie, so Hirsch, emotional aufladbarer sind als Texte. Wie diese emotionale Komponente im Rahmen des “Distant Watchings” mitbedacht werden kann, ist sowohl aus qualitativer als auch als quantitativer Sicht zu klären.

Team: Bernhard Bermeitinger, Gernot Howanitz, Erik Radisch